Ein, so finde ich, besonderes Interview

09:19:02 21.11.2022 von Alexander Klatte

 

Die „Handball Post“, das Fachorgan des Mitteldeutschen Handballs, fragte in der letzten Woche nach einem Interview beim Trainerstab der 1.Männer an. Es ist ein Interview draus geworden, das stellenweise tief in die Seele des Vereins blicken lässt. Hier vorab exklusiv einige Passagen. 

Bernstadt ist fulminant in die Saison gestartet. War dieser Start zu erwarten und was sind die Ziele für die Saison?

Nach sechs Spielen, (davon aber immerhin schon viermal Auswärts) war das Ergebnis so nicht zu erwarten. Zum einen waren die Ansetzungen für uns doch etwas „angenehmer“ als in den letzten Jahren.  (da begannen wir beispielsweise immer in Radeberg) Zum anderen hatten wir viele „Rädchen“, die schon zu Saisonbeginn sehr genau ineinander griffen. Und mit jedem Sieg wachsen das Selbstbewusstsein und auch das Quäntchen Glück, welches wir auch schon in mindestens zwei Partien hatten. Die Ziele haben sich prinzipiell nicht geändert. Wir wollen mit dem Abstieg nichts zu tun haben, uns handballerisch weiter entwickeln und unseren Fans ehrlichen und leidenschaftlichen Handball zeigen. 

Welchen Anteil haben die Fans in Bernstadt?

Die Fans als solches gibt es so gar nicht. Wir begreifen uns als große Familie. Die füreinander da ist. Selbstredend unterstützen sich die Teams untereinander. Viele Eltern bringen die Kinder mit. Oder die Großeltern die Enkel. Da kommen auch am Wochenende Fußballer aus verschiedenen Ortschaften zu uns. Unsere Mädels und Jungs sind dann, wenn es die Zeit erlaubt, eben auch dort. Das hat es so vor Jahren nicht gegeben. Dann ist innerhalb unseres „Kerneinzugsgebietes“ eine neue, durchweg positive Grundstimmung entstanden. Mehr Menschen registrieren vor allem sehr genau, dass es, bis auf ganz wenige Ausnahmen, eben Spieler „von uns“ sind. Aus der Heimat. Und das zieht. Und diese Fans als „Truppenteile“ sind dann auch auswärts sehr aktiv. Bis auf die Partie in Niederau haben wir faktisch jedes Auswärtsspiel auch zum „Heimspiel“ gemacht.

Mit einem derart hohen Schnitt führt man die Statistik an, wie kommt es zu diesem Andrang, wie erklärt es sich der Verein? Was macht den Handball und die Gemeinschaft in Bernstadt so besonders?

Ja, nochmals: Bernstadt mit seinen verschiedenen Abschnitten in der Geschichte, feiert im nächsten Jahr 100 Jahre Handball auf dem Eigen. Das hat im Übrigen erst vor kurzem ein Leitungsmitglied mit dem Ortschronisten „zu Tage gefördert“. Und Tradition lässt sich durch nichts ersetzen. Die grundlegende Außenwirkung als Ausbildungsverein schlägt in den Zeiten einer scheinbaren „Orientierungslosigkeit“ doch sehr positiv an. Wir haben einen sehr tollen Andrang schon ab den vierjährigen „Mini-Erdachsen“. Spielerisch soziale Kompetenzen zu erlernen, na, was will man mehr? Mit der Stadt haben wir einen sehr aufgeschlossenen Verbündeten. Viele anstehende Probleme können auf dem „kurzen Dienstweg“ geklärt werden. Und in diesem Konglomerat werden natürlich auch viele Gewerbetreibende (wieder) aufmerksam auf uns. Es gehört mittlerweile für nicht wenige „zum guten Ton“, dass man diesen Verein unterstützt. Wo sieht man es sonst, dass der Chef der Brauerei persönlich noch Nachschub ranschafft oder der Chef des Autohauses stundenlang Bier einschenkt? Und seine Frau verkauft selbstgemachte Schnittchen und viele weitere Sachen. Allein in Sachen Catering sind wir absolute Spitze.  Und, wir haben vor einigen Jahren, als es dem Verein nicht so gut ging, wichtige Schlüsselpositionen neu und vor allem sehr effizient besetzen können. Die Finanzchefin arbeitet beispielsweise bei einer Bank. Wir haben uns wesentlich breiter aufgestellt. Neulich fragte der Chef eines Karnevalvereins, ob er denn mit Sprecher machen könne. Darf er natürlich, da ja einige Leitungsmitglieder stark frequentiert sind. Jede Hilfe ist willkommen. Bei einer EISERNEN Grundregel: alles ehrenamtlich, alles „für Null“, alles für ein Lächeln und einen Händeschlag. Dieses Prinzip steht über allem. Wer bei uns aktiv sein will, macht es aus Liebe und Freude. In dem Augenblick, wo wir dieses Prinzip verlassen oder zumindest aufweichen würden, würde uns alles mittelfristig „um die Ohren fliegen“. Das können wir den treuen Mitgliedern und der stetig wachsenden Anhängerschar nicht erklären und schon gar nicht vermitteln.

Haben die tolle Atmosphäre und der toll gespielte Handball auch Auswirkungen auf die Jugendarbeit des Vereins?

Im Prozess der, sagen wir mal letzten zehn Jahre, definitiv. Prinzipiell gilt nach wie vor, dass die größten Talente möglicherweise zu Koweg Görlitz wechseln. Dort wird auch eine hervorragende Jugendarbeit geleistet. Aber für die vielen Kinder und Jugendlichen „auf dem Eigen“ und in der Oberlausitz, die in einem familiär geführten Club Spaß am Handball entwickeln wollen, sind wir genau der Richtige. Von klein an werden sie nun mit tollen Trikots eingekleidet. Das zieht. Genauso wie jedes Heimspielwochenende. Da lassen jetzt die Opas die Fußball-Bundesliga im Fernsehen „sitzen“. Es spielt der OHC Bernstadt. Insgesamt ist die Öffentlichkeitsarbeit enorm erweitert worden. Eben nicht nur für die Jugendlichen. Ein 25-jähriger Handballer, der in der Brandenburg-Liga zuletzt gespielt hatte und nun im Landkreis arbeitet, steht mit einem unterschriebenen Antrag, beim Trainingslager der Männer, vor der Tür. Er hatte sich in den „Sozial-Medien“ über den Club informiert. Und fand ihn schlichtweg Klasse. Und er war nicht der Einzige, der neu zu den Männern stieß. Aber, um es nochmals zu verdeutlichen. Zu unseren „Konditionen“.

Wie ist der tolle sportliche Aufschwung zu begründen, wo in den letzten Spielzeiten eher ein Mittelfeldplatz erreicht wurde?

Zu einer erfolgreichen Arbeit gehören Optimismus, eine langfristige Orientierung und: Demut. Ganz wichtig. Vor zehn Jahren wurden wir noch als „graue Maus in der Ostsachsenliga“ betitelt. Jeder einzelne Stein des Aufstiegs wurde mindestens „dreimal umgedreht“. Das kann man hier „auf dem Lande“ auch gar nicht anders vermitteln. Ein erster Bus, dass die fast ein Dutzend Spieler aus Dresden auch zum Training kommen können. Ein zweiter für den Nachwuchs soll in Kürze folgen. Alles nicht auf Pump. Alles bezahlt. Und für den Kader gilt: schon der 6. Platz im letzten Jahr war das beste Resultat einer Verbandsligamannschaft in diesem Jahrtausend. Und wenn es besser werden sollte: toll. Vor vier Jahren, in der ersten Saison der Verbandsliga, äußerte da ein Trainer aus Dresden: „Können nicht Bernstadt und Rietschen in einer westpolnischen Liga spielen?“ Dieses Gekutsche … haben wir jedes zweite Wochenende. Nach Pirna, Riesa, Großenhain oder Dresden. Und finden es nach wie vor so toll, dass wir ein Bestandteil der Verbandsliga sein dürfen. Und zur aktuellen Situation der ersten Männer: viele Verletzte der letzten Saison kamen zurück. Und hatten richtig Bock auf mehr. Der Abgang von Torjäger Florian Weickelt (zu Koweg Görlitz) und dem langwierigem Ausfall von Karl Bundtke schmerzten. Und schweißten noch mehr zusammen. Es wird auch die ersten Niederlagen geben. Aber das „Aufstehen und einen Widerstand zeigen“ liegt einem jedem Oberlausitzer von Natur aus im Blut.  In jedem.

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